Internationale Tagung für Geistiges Heilen
vom 26. - 28. September 2003 in Berlin

Ist eine Theorie des geistigen Heilens vorstellbar - wie könnte sie gestaltet sein?

Vorbereitende Thesen zum Vortrag
von Prof. Dr. Arnim Bechmann Zukunfts-Zentrum Barsinghausen
Internet: www.zukunfts-zentrum.de
Barsinghausen, September 2003

These 1: Die Gunst unserer Zeit

Wir leben derzeit - auch wenn wir dies häufig noch nicht so recht wahrnehmen - in einer Zeit, in der sich in unserem Gesundheitssystem tiefgreifende Strukturreformen, die zu einer neuen Form der Gesundheitsvor- und -fürsorge führen werden, anbahnen. In nicht zu weiter Zukunft wird das Gesundheitssystem auf einem neuen nachmaterialistischen Menschenbild gründen. Die sogenannte "Komplementärmedizin" wird in ihm auf ganz selbstverständliche Weise einen großen Raum einnehmen. Es wird sich dabei allerdings nicht mehr um die Komplementärmedizin handeln wie wir sie heute kennen, sondern um deren verwissenschaftlichte, fortentwickelte Form.

These 2: Die Verknüpfung von Wissen und Handeln - eine zentrale Herausforderung der Wissensgesellschaft

Die Industriegesellschaften befinden sich derzeit im Übergang zur Wissensgesellschaft. Die Wissensgesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass in ihr die Nutzung von und der Umgang mit Wissen eine zentrale Bedeutung erlangen. Wissen orientiert und legitimiert Handeln. Wissen wird zum gesellschaftlichen Machtfaktor. Der Umgang mit Wissen wird rechenschaftspflichtig. Dies gilt auch für die Gestaltung des Gesundheitssystems.

Gesundheitssysteme lassen sich nur auf der Basis gesellschaftlich anerkannten Wissens als verbindlich einführen und weiterentwickeln.

Die Wissensgesellschaft steht heute vor zwei zentralen Herausforderungen:

  • der Bewältigung der Folgen eines schnellen und gesellschaftlich nicht kontrollierbaren Wissenswachstums sowie der Einführung von wissensverarbeitenden I & K-Technologien.
  • dem angemessenen Umgang mit unkonventionellem Wissen und unkonventionellen Erfahrungen, die im Rahmen gesellschaftlich anerkannter Wissenssysteme, insbesondere gesellschaftlich etablierter, Wissenschaft bislang kein legitimiertes Fundament besitzen und deshalb die gesellschaftlich nicht anerkannt werden. Dies gilt insbesondere in weiten Bereichen auch für die sogenannte Komplementärmedizin, obwohl sie auf sehr viele praktische Erfolge verweisen kann.

Das Phänomen der Ausgrenzung vorhandenen Wissens aus systematischen Gründen wird hier als strukturelle Ignoranz bezeichnet. Strukturelle Ignoranz lässt sich nur durchbrechen, wenn die Struktur aufgelöst wird, aus der heraus Ignoranz praktiziert wird.

These 3: Grundanforderungen an wissenschaftliche Theoriebildung

Die Wissensgesellschaft gründet in ihren Strukturen auf wissenschaftlich legitimiertes Wissen.

Wissenschaft gewinnt und sammelt empirische Fakten, Erfahrung sowie Wissen und systematisiert diese. Sie strukturiert Wissen durch Begriffs- und Theoriebildung.

Wissenschaft leistet somit einen systematisierenden Umgang mit Wissen, der sich allerdings stets nur auf spezielle Objektbereiche, d. h. auf Ausschnitte unserer Welt bezieht.

Ein wissenschaftliches Aussagensystem besteht in der Regel aus drei Ebenen. Und zwar aus

  • Wahrnehmungsaussagen, die auf sinnliche Erfahrung von Welt gründen,
  • Theorien, Erklärungsmodellen und Begriffssystemen, in denen Erfahrungen von Welt strukturiert sowie deutend und verbindend zusammengestellt wird und mit deren Hilfe Erklärung ermöglicht wird,
  • sogenannten Regulativen Ideen und Konzepten, die zwar selbst nicht mehr auf Erfahrung gründen, die aber Erfahrungstheorien strukturieren und gestalten.

Auch der Versuch, eine Theorie geistigen Heilens zu schaffen, muss sich in diesen formalen Rahmen einfügen.

These 4: Evidenzargumente für ein nachmaterialistisches wissenschaftliches Menschen- und Weltbild

Das heute die Naturwissenschaften und auch die Medizin dominierende Menschen- und Weltbild ist materialistischer Natur. Es interpretiert Psyche, Seele und Geist als Äußerung komplexer, im menschlichen Körper ablaufender, biochemischer Prozesse.

Das Gesundheitssystem der Bundesrepublik ist durch ein derartiges materialistisches Menschenbild geprägt, geformt und orientiert.

Das eben angedeutete materialistische Menschenbild steht allerdings in einem erheblichen Widerspruch zu unserer menschlichen Alltagserfahrung. Es steht ebenfalls im - empirisch gut belegten - Widerspruch zu den Erfahrungen der Komplementärmedizin sowie insbesondere zu denen des geistigen Heilens.

Obwohl die heutige Naturwissenschaft, die Medizin und die Gehirnforschung bereits ein beachtliches Maß an Indizien dafür liefern, dass das herkömmliche materialistische Menschenbild vermutlich nicht ausreicht, Bewusstseins- und Lebensprozesse angemessen zu deuten, dominiert es nach wie vor die etablierte Naturwissenschaft ebenso wie die herrschende Medizin oder die etablierte Bewusstseinsforschung.

Eine auch im wissenschaftlichen Sinne leistungsfähige Theorie des geistigen Heilens wird das inzwischen in vielerlei Hinsicht dogmatisierte materialistische Menschenbild als paradigmatische Grundlage wissenschaftlicher Medizin in Frage stellen müssen.

Eine Theorie des geistigen Heilens wird vielmehr auf dem Paradigma einer Nachmaterialistischen Naturwissenschaft gründen, das ein nachmaterialistisches Menschen- und Weltbild ermöglicht und entwirft.

Die Fragen, die sich stellen, wenn man der hier vorgetragenen Argumentation folgt, lauten:

  • Wie könnte oder müsste solch ein Paradigma einer Nachmaterialistischen Naturwissenschaft aussehen?
  • Auf welchen Annahmen beruht es?
  • Wie kann man mit ihm arbeiten?
  • Ist es sinnhaltig und wie lässt sich vorhandenes, gesichertes, wissenschaftliches Wissen in solch einem Paradigma verankern?

These 5: Erste Konturen einer nachmaterialistischen Theorie des geistigen Heilens

Eine Theorie des geistigen Heilens, die unterstellt, dass über geistige Impulse körperlich-stoffliche Prozesse angestoßen und gesteuert werden können, lässt sich im Rahmen eines materialistischen naturwissenschaftlichen Paradigmas - und dies zeigt die Vergangenheit auch in der Praxis - nicht sinnvoll oder angemessen begründen.

Das Konzept einer Nachmaterialistischen Naturwissenschaft ist heute möglich und an anderer Stelle auch bereits weiter ausgeführt, als dies im Rahmen der vorliegenden Thesen und der zu ihnen gehörenden Veranstaltung geleistet werden kann.

Das Konzept einer Nachmaterialistischen Naturwissenschaft gründet auf drei Fundamenten:

  • einem transmaterialistischen Axiomensystem, das die Grundannahmen dieses Paradigmas enthält,
  • der Methode des Synergetischen Konstruktivismus, mit dessen Hilfe Theorien und Erklärungskonzepte systematisch und unter Beachtung gängiger wissenschaftstheoretischer Forderungen konstruiert werden können,
  • einem analytisch-neopragmatischen wissenschaftstheoretischen Standpunkt, dem analytischen Neopragmatismus, der die Erkenntnisse der analytischen Wissenschaftstheorie und die des Neopragmatismus in zeitgemäßer Form miteinander verbindet.

Das zentrale Axiom des Paradigmas einer Nachmaterialistischen Naturwissenschaft ist das sogenannte Zwei-Ebenen-Postulat. Es unterstellt, dass unsere Welt zwei Grunddimensionen, die hier als Geist und Materie bezeichnet werden, besitzt. Beide lassen sich in der von uns erfahrbaren Welt nicht aufeinander reduzieren.

Geist steht dabei für Organisation sowie im weitesten Sinne auch für Subjekthaftigkeit und schöpferische Tätigkeit, während Materie Manifestation in Stoff sowie nach Gesetzen funktionierenden Energieund Qualitätsfelder bezeichnet.

Im Rahmen des Paradigmas einer Nachmaterialistischen Naturwissenschaft lässt sich ein Mensch als vierdimensionale Entität beschreiben, die sowohl eine Subjekt- als auch eine Objektebene besitzt. Beide Ebenen sind miteinander verbunden, wobei

  • sich die Objektebene in ein physisches und ein Vitalfeldsystem differenzieren lässt,
  • die Subjektebene aus einem psychischen Programmsystem und einem zu freien Entscheidungen fähigen Ich bestehen.

Diese Skizze eines Menschenbildes ist sicherlich sehr erklärungsbedürftig - was an anderer Stelle allerdings auch geleistet werden kann und wird - , aber sie hilft die Ebenen zu unterscheiden, auf denen geistiges Heilen eingreifen kann und sie ermöglicht, die Wege aufzuzeigen, auf dem sich entsprechende Heilungsimpulse bis hin in den physisch-stofflichen Körper hinein fortsetzen können.

Zentral für das Verständnis geistigen Heilens ist die Funktion und Wirkungsweise des sogenannten Vitalfeldes, das für den menschlichen Körper eine zentrale Organisationsfunktion besitzt.

Geistige Heiler sprechen dieses Vitalfeld entweder unmittelbar an oder sie finden den Zugang zu ihm, indem sie das Ich bzw. die seelischen Programme ihres Klienten in eine heilende Richtung anstoßen.

Aufgabe einer auf dem Paradigma einer Nachmaterialistischen Naturwissenschaft gegründeten medizinischen Theoriebildung ist es, zu verstehen, welche spezifischen Eigenschaften diese verschiedenen Dimensionen eines Menschen jeweils aufweisen und wie sie beim gesunden oder kranken Menschen zusammenwirken.

Solche Darstellungen sind heute möglich. Im Referat werden Wege angedeutet wie man zu ihnen gelangen kann.

These 6: Erfahrungsgestützte Zugänge zum wissenschaftlichen Verständnis geistigen Heilens

Durch geistiges Heilen werden zunächst das Ich, die seelischen Programme oder das Vitalfeld des jeweiligen Klienten angesprochen. Auf diesen Ebenen wird Veränderung bewirkt, die sich bis ins körperlich-stoffliche hinein fortpflanzt.

Da viele geistige Heiler unmittelbar Einfluss auf das Vitalfeld ihrer Klienten nehmen, ist es nicht verwunderlich, dass sie auch Wirkungen bei Organismen auszulösen vermögen, die weder über seelische Programme noch über ein zu bewussten Entscheidungen fähiges Ich verfügen. Die Möglichkeiten solcher Einflussnahmen auf das Vitalfeld ist inzwischen in unterschiedlichen Studien z. T. mit statistisch signifikanten Ergebnissen so weit belegt, dass sie als Erfahrungstatsache gewertet werden kann.

Diese Erfahrungstatsachen werden jedoch, wie vieles andere ebenfalls, von der herrschenden Medizin nicht wahrgenommen, ja sie werden sogar mit den Mitteln struktureller Ignoranz ausgegrenzt. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sich die etablierte Naturwissenschaften und mit ihnen die herrschende wissenschaftliche Medizin an ein inzwischen dogmatisiertes materialistisches Menschen- und Weltbild gebunden haben.

Das hier angedeutete Paradigma einer Nachmaterialistischen Naturwissenschaft ist in der Lage, diese vorschnelle Dogmatisierung zu durchbrechen, ohne das Postulat und die Regeln von Wissenschaftlichkeit verletzen zu müssen.

These 7: Arbeitskonzepte zur Entwicklung einer wissenschaftlichen Theorie des geistigen Heilens

Es ist nach meiner Auffassung möglich, bereits auf der Basis der heute vorliegenden Erfahrungen, in erster Näherung eine systematische Theorie des geistigen Heilens zu entwickeln.

Der Weg dahin führt über die Arbeit mit bestimmten Regulativen Konzepten, die sich an den Postulaten einer Nachmaterialistischen Naturwissenschaft ausrichten. Regulative Konzepte in diesem Sinne schaffen die Struktur und den Gestaltungsrahmen für ein entsprechendes "nachmaterialistisch" ausgerichtetes theoretisches Arbeiten. Sie verwenden das in These 4 grob skizzierte Menschenbild als Regulative Idee, nach der Erfahrungswissen strukturiert und gestaltet werden kann.

Bei der Nutzung solcher Regulativen Konzepte wird es möglich, vorhandenes Wissens systematisch aufzubereiten. Dabei gilt es, dieses Wissen im Hinblick auf

  • die enthaltenen empirischen Fakten,
  • die verwendete Begrifflichkeit,
  • die genutzten Erklärungsmodelle sowie
  • die das jeweilige Theoriegebäude regulierenden Ideen und Konzepte (Regulative Ideen und Regulative Konzepte)

zu analysieren, um anschließend das so gewonnene Wissensmaterial vor dem Paradigma einer in sich konsistenten Nachmaterialistischen Naturwissenschaft zu reorganisieren und zu einer theoretisierenden Erfahrungswissenschaft zu integrieren.

Wie solch ein Prozess im Einzelnen gestaltet werden kann, beschreibt die hier nur angedeutete Methode des Synergetischen Konstruktivismus. Sie ist "handwerklich" erlernbar und geeignet auch große Mengen komplexen Wissens systematisch zu verarbeiten.

These 8: Skizzen einfacher Arbeitsmodelle einer Theorie des geistigen Heilens

Das hier skizzierte Menschenbild und seine Konsequenzen für das Verständnis geistigen Heilens lässt sich aus naturwissenschaftlicher Perspektive u. a. an drei Fragestellungen - für die aus der Sicht einer Nachmaterialistischen Naturwissenschaft erste Arbeitsmodelle angeboten werden können - diskutieren. Dies sind die Fragen nach

  • den Eigenschaften des sog. Vitalfeldes und seinen Verknüpfungen mit einem, auch biologische Eigenschaften besitzenden, Universalfeld,
  • den Ursachen und dem Prozess des Ingangsetzens der Produktion von Proteinen im menschlichen Körper durch "mentale oder psychische Auslöser",
  • der Qualität und der Besonderheiten der Beziehung von Körper und Geist über einen vollen menschlichen Lebenslauf.

Die gewählten Arbeitsmodelle können hier allerdings nur grob skizziert werden. Sie sollen vor allem andeuten, welche Möglichkeiten des Verständnisses von Lebensprozessen durch den Übergang zum Paradigma einer Nachmaterialistischen Naturwissenschaft eröffnet werden können.

These 9: Zur Bedeutung des wissenschaftlichen Verständnisses des geistigen Heilens für die fällige Strukturreform unseres Gesundheitssystems

Eine Theorie des geistigen Heilens, ja insgesamt eine Theoretisierung von Komplementärmedizin auf der Basis des Paradigmas einer Nachmaterialistischen Naturwissenschaft eröffnet die Chance, diese Varianten der Medizin nach den Spielregeln zeitgemäßer Wissenschaft zu begründen und zu verstehen. Dies gilt, obwohl es auf absehbare Zeit sicherlich noch nicht möglich sein wird, alle dabei in Erscheinung tretenden Fragen befriedigend zu beantworten. Letzteres vermögen ja auch die herrschende Naturwissenschaft und die auf sie gegründete Medizin nicht zu leisten.

Eine Verwissenschaftlichung des geistigen Heilens und der komplementärmedizinischen Verfahren und damit ihre unstrittige Legitimation für die Wissensgesellschaft würde zu großen Veränderungen in unserem Gesundheitssystem führen. Diese würden nach bisheriger Erfahrung u. a. erhebliche Kosteneinsparungen nach sich ziehen.

Auch die Vorstellung von einem sinnhaften Leben als Ganzem und einem guten Tod würde sich vor dem Hintergrund eines nachmaterialistischen Menschen- und Weltbild es erheblich verändern. Dies würde seinerseits aus heutiger Sicht nur schwer zu überschauende Veränderungen in Bezug auf die medizinische Versorgung älterer Menschen nach sich ziehen.

Insgesamt ist begründet zu vermuten, dass der Übergang zu einem Gesundheitssystem, das sich auf eine wissenschaftliche Medizin stützt, welche auf dem Boden des Paradigmas einer Nachmaterialistischen Naturwissenschaft steht, nicht nur zu einem wesentlich humaneren Umgang mit kranken und alten Menschen führen würde, sondern zudem erhebliche Kosteneinsparungen mit sich brächte.

Es lohnt sich somit, aus verschiedenen Sichten zu prüfen, ob das hier angedeutete Konzept einer Begründung medizinischer Wissenschaft auf dem Paradigma einer Nachmaterialistischen Naturwissenschaft sowie die damit verbundene Verwissenschaftlichung von Komplementärmedizin und geistigen Heilens ein - in der Breite für unsere Gesellschaft - gangbarer Weg ist.

04.09.2003 Barsinghausen

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Letztes Update: 05.04.2004
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