Internationale Tagung für Geistiges Heilen
vom 26. - 28. September 2003 in Berlin

Der mystische Heilungsweg

Von Bruce Davis

In unserem modernen Leben suchen die Menschen stets nach den neuesten Mittel oder einer besonderen Technik, welche die Symptome ihres Unbehagens beseitigt. Gewohnheitsmäßig suchen wir außerhalb von uns nach einer Autorität, die uns die Antworten, die wir brauchen, zeigt. Der mystische Heilungsweg erschließt sich uns, indem wir Vertrauen in unser eigenes Wesen finden, Vertrauen in unsere eigene Ganzheit und Schönheit. Dieses innere Vertrauen überträgt sich auf unseren Klienten und bringt ihn oder sie zu ihrer eigenen Quelle des Friedens, zur Heilung. Ist diese Quelle einmal wiederentdeckt, verbessern sich nicht nur die Symptome, sondern unser ganzes Leben wird auch erfüllt von mehr Energie, mehr Herz und mehr Freude.

Der Heilungsweg des Mystikers entfaltet sich durch die inneren Schritte, die er in seinem Leben umgesetzt hat. Schamanen, Priester und Heiler aller Richtungen haben übereinstimmende Schritte gefunden, die das Herz weich machen und das Bewusstsein für ihre eigene und die mystische Natur ihrer Klienten - unserer wahren Essenz - öffnen. Diese Schritte mögen vielleicht unterschiedliche Namen haben und in unterschiedlichen Ritualen ausgedrückt werden, aber grundsätzlich ähneln sie sich in allen Kulturen.

Der erste Schritt ist die Akzeptanz der Verletzlichkeit des Lebens.
Soviel Aktivität basiert darauf, die natürliche Verletzlichkeit des Lebens zu vermeiden. Ein Herz, das offen und lebendig ist, ist verletzlich. Unsere Verletzlichkeit ist nicht unser Feind, aber ein Teil von uns, den wir anerkennen, achten, auf den wir hören, den wir schützen und mit dem wir uns anfreunden sollen. Unsere Verletzlichkeit ist Teil der Liebe. Sie lehrt uns etwas über unsere physische und emotionale Schönheit und unsere Grenzen. Indem wir auf unsere Verletzlichkeit hören, hören wir auch auf unser Herz und was wahr und gut für uns ist. Was andere über uns denken oder von uns erwarten, wird weniger wichtig. Wir sind einfach vertrauende Menschen, die sich an unserem Leben des offenen Herzens erfreuen. Wir erfahren und drücken unsere Wahrheit aus. Indem die Mystiker den Weg ihres Herzens leben, fühlen und unterstützen sie das Herz ihrer Klienten, deren Verletzlichkeit und Schönheit. Heiler und Patient berühren sich in diesem Bewusstsein über die Bedeutung des Herzens, der einfachen Gegenwart der Liebe.

Der zweite Schritt bedeutet, die Ängste zu lieben, die das Alltagsleben kompliziert machen.
Unterhalb unserer Verletzlichkeit liegen unsere Ängste, die unsere Offenheit gegenüber dem Leben erschweren. Aufgrund unserer Ängste werden einfache Schmerzen und unser Unbehagen zu Hauptquellen von Stress und Schwierigkeiten. Die Angst trennt unser Bewusstsein vom einfachen Sein. Die Angst führt das Leben aus der Einfachheit des Augenblickes zu den komplizierten Dramen und zur Unruhe. Die Ängste anzuerkennen, die uns an unsere Schwierigkeiten binden, hilft uns, das Drama in unserem Leben zu vermindern und bringt uns unseren inneren Frieden zurück. Bei Kindern vergrößert Angst die Probleme, denen sie sich gegenübergestellt sehen. In jedem Erwachsenen befindet sich ein inneres Kind, dessen Angst sich auf die gleiche Weise ausdrückt. Indem wir das Kind lieben, unser inneres Kind, heilt die Angst, die uns von unserer eigenen Lebensquelle trennt. Dies ist der Weg, unsere Gefühle einschließlich unserer Unschuld wiederzuentdecken.

Der dritte Schritt bedeutet, die Leere in unserem Leben zu umarmen.
In allen Kulturen entdecken die Mystiker in sich den Wunsch, in die Wüste zu gehen, um ihr größeres Selbst zu finden. Unsere Persönlichkeit fürchtet sich von Natur aus vor der Leere. Wir trachten danach, unsere Leere irgendwie zu füllen. So hängen wir uns an andere Menschen oder an Objekte. Wir entwickeln Gewohnheiten, Süchte und Zwänge aus den Ängsten heraus, die an diesem leeren Platz in uns zunehmen. Indem wir die Leere umarmen, heilt die Angst an ihrer Wurzel. Die Herausforderungen des Lebens: Krankheit, Einsamkeit, finanzielle Schwierigkeiten werden ganz anders erlebt, wenn keine Angst da ist und in uns wächst. Statt des ständigen Versuches, alles zu kontrollieren und durchzusetzen, kann der Alltag zur Freude werden, loszulassen und zu geben. Die Angst verdeckt ganz leicht die täglichen Kompromisse, die wir wie selbstverständlich machen. An unserem Platz der Leere vermehrt die Angst unser Bedürfnis nach mehr Besitz oder Selbst-Bedeutung, während einfache Freuden immer komplizierter und schwieriger zu finden sind. Die Leere zu umarmen macht uns frei dafür, uns einfach daran zu erfreuen, was ist. Die meisten Kämpfe sind Kämpfe mit der Leere. Ohne Angst haben die Dramen des Lebens weniger Einfluss auf unsere Herzen und unser Wesen. An dem Ort der Leere in uns ist Raum, damit die in unserer Seele gegenwärtigen göttlichen Samen wachsen können. In unserer Leere wächst ein neues Bewusstsein, das göttliche Leben.

Freundschaft mit der Leere zu schließen ist der Anfang des Weges des Mystikers zu anderen Wirklichkeiten. Während die meisten Menschen sich treiben lassen von der Hast der Welt, bemüht sich der Mystiker, im Bewusstsein die Leere zu umfassen und einfach zu sein. In unserer Leere machen wir uns erreichbar für einen anderen Weg, das Leben unserer Seele. Während die meisten Menschen immer nur die Alltagswelt in ihr Denken und ihre Herzen hineinlassen, sehnt sich der Mystiker nach einem Geist, offen für den reinen Himmel und nach einem Herzen voll sanften Seins. Wenn die Welt das Herz nicht in Beschlag nimmt, dann findet der Mystiker andere Räume im Inneren. Wenn das Herz als etwas Heiliges behandelt wird, findet man viele Türen im Inneren, bereit sich zu öffnen. In unserer Leere findet unsere Seele Raum, Wurzeln zu schlagen. Ein Wissen um spirituelle Dinge stellt sich ganz natürlich ein. In Abwesenheit von Angst öffnen sich Räume im Herzen für die Gegenwart von Engeln. Viele Dimensionen der Heilung und des Friedens kommen nahe. Unser Bewusstsein breitet sich zu einem Selbst aus, das viel größer als unser körperliches Sein ist, ein Selbst eines sich immer mehr ausbreitenden Friedens. Das ist das Bewusstsein der Ewigkeit.

Der vierte Schritt ist den eigenen Boden des Seins zu finden.
In dem Prozess, die eigene Leere anzunehmen, findet der Mystiker den eigenen Boden des Seins. Während die meisten Menschen ihre alltägliche Identität in der Arbeit, Familie, verschiedenen Aktivitäten gründen, findet der Mystiker den einfachen Boden im Inneren. Hier erwächst die spirituelle Identität des Mystikers. Leben ist Veränderung. Wenn die Menschen ihre Identität auf äußere Dinge stützen, ohne von ihrem inneren Wesensgrund zu wissen, fürchten sie die Veränderung, das Herz verschließt und entzieht sich. In der Leere findet das Bewusstsein seinen wahren Grund. Das Bewusstsein des Mystikers ruht im einfachen Sein. Mit weniger Angst gibt es weniger Versuche das zu kontrollieren oder zu bekämpfen, was das Leben präsentiert. Unser einfacher Boden des Seins gibt dem Drama und dem Konflikt der Welt nur wenig Platz, um sich dort auszubreiten. Der Mystiker braucht sich nicht vor anderen Mächten zu schützen oder zu verteidigen. In der Leere ist der Mystiker frei, gegenwärtig, holt Atem aus dem Wesensgrund des Seins. Der Boden des Seins ist die Verbindung des Mystikers zu den anderen und der Welt. Der Mystiker berührt den Wesensgrund des Seins in anderen und heilt dadurch die Trennungen vom Herzen und vom reinen Sein. Diese Berührung kann mit oder ohne Worte geschehen, aus der Nähe oder Ferne . In unserem Wesensgrund des Seins sind wir einfach. Wenn wir unseren eigenen Boden finden und aus ihm leben, hat das Erschaffen von unnötigen Konflikten und Stress im Leben ein Ende. Für den, der aus dem eigenen Wesensgrund im einfachen Frieden lebt, ist des Lebens überfließender Garten immer gegenwärtig.

Der fünfte Schritt ist die eigene Wirklichkeit zu erschaffen.
Wenn der Mystiker den Grund des Seins gefunden hat und aus ihm lebt, ist das Leben mehr als nur die Reaktion auf Ereignisse und anderes um ihn herum. Wenn das Bewusstsein des Mystikers in der Leere ruht, ist dort im Inneren Platz für neue Möglichkeiten, Freude bejahend. Wahres Leben beginnt aus unserem inneren Boden, aus unserem inneren Garten zu wachsen. Wenn wir im Inneren nicht mit der alltäglichen Welt besetzt sind, wenn wir Raum in unserer Leere haben, können wir beginnen zu schauen, was natürlich, leicht in unserem Leben wächst. Das Wachstum eines physischen Gartens der Partnerschaft, eines Zuhauses, der Arbeit beginnt mit dem Aufbau eines spirituellen Gartens des Friedens, der einfachen Freude und Schönheit.. Den spirituellen Garten im Inneren zu ehren ist der erste Schritt zu einem wirklichen Leben in der Welt. In der einfachen Liebe zu sein machen die kleinen Blumen des Augenblicks, wahres Leben, Gemeinschaft und Dienst möglich. Während die meisten Menschen glauben, dass ein neuer Partner, eine neue Arbeit oder ein neues Vorhaben ihnen das geben wird, was sie wünschen, weiß der Mystiker, dass , den inneren Frieden zu finden, zuerst erforderlich ist, um ihnen den nächsten Schritt, den Menschen oder das Vorhaben in die Welt zu bringen. Dieses Vertrauen ist das, was der Mystiker anderen gibt, das Vertrauen, dass dieser Friede und diese Schönheit bereits in uns sind. Es ist eine Reise der Anerkennung unserer Kreativität, unserer Intuition, wenn wir der Freude lauschen und folgen.
Der Mystiker lebt in jeder neuen Tiefe des einfachen Seins. Aus diesem einfachen Sein heraus, aus diesem Nichts geben wir dem Leben um uns herum Bedeutung und Gewicht. Der Mystiker sieht, dass die Schwierigkeit oder Herausforderung von heute in ihrer wahren Natur leer, nichts ist. Jeden Tag sieht der Mystiker, dass das Leben, das wir oft zu ernst nehmen, in seiner wahren Natur leer, nichts ist. Aus diesem Nichts heraus gibt der Mystiker sein Herz und Bewusstsein in neue Möglichkeiten, neues Leben, neue Anfänge voller Schönheit und Freude. Aus dem Nichts beginnt jeden Tag neues Leben.

Der sechste Schritt ist Empfangen.
Leben ist weniger das, was wir tun, sondern mehr empfangen dessen, was uns gegeben ist. Leben ist nicht etwas, das zu leisten ist, sondern ein Geschenk, das zu empfangen ist. Jeden Tag geht es darum, des Lebens kleine Blumen der Augenblicke, die Schönheit und den Frieden zu empfangen. Jeden Tag gibt es Geschenke zu öffnen und zu genießen. Diese Geschenke sind Nahrung für die Seele. Das Leben des Mystikers ist gefüllt mit wirklicher Nahrung, die sowohl die Seele als auch den Körper nährt. Wirkliche Nahrung ist, was das Herz tief berührt. Augenblicke in der Natur, mit einem Freund, im Gebet, wirkliche Nahrung erscheint in vielen Formen. Der Mystiker hört, empfängt, lebt den Pfad, der ihn wirklich nährt. Während andere damit beschäftigt sind herauszufinden, was an dem Tag nicht stimmt, zu sehen, was aneinander nicht gefällt, empfängt der Mystiker die reine Gegenwart des Lebens. Wie andere sich durch ihre Urteile vom Leben trennen lassen, somit auch von Menschen, die ihnen andersartig erscheinen, sowie von neuen Aktivitäten, umarmt der Mystiker das Leben im Innen wie im Außen. In der Leere, auf dem Boden des Seins bleibt der Mystiker nah bei der Essenz des Lebens. Die Persönlichkeit trennt uns ihrem Wesen nach vom einfachen Sein mit Gedanken an irgendetwas. Das Leben der Seele jedoch begrüßt und findet ihrem Wesen gemäß das Herz in jeder Tätigkeit Das Herz in der Gelegenheit ist wirkliche Nahrung. Das Herz in jedem Augenblick, in jeder Begegnung ist das, was den inneren Garten nährt. Wirkliche Nahrung fegt die Energie der Angst weg. Wirkliche Nahrung hält uns nah bei der Heiligkeit des Augenblicks. Es besteht keine Notwendigkeit, das Leben kompliziert zu machen. Wirkliche Nahrung versorgt unser einfaches Sein unmittelbar. Das ist das Leben des Mystikers. Wirkliche Nahrung stärkt das Bewusstsein für die Ewigkeit. Wenn wir dieses Bewusstsein empfangen, verändert sich, was wir für wichtig halten und was wahren Wert hat. Die spirituellen Dimensionen des Lebens entfalten sich.

Der siebte Schritt ist die eigenen Geschenke zu leben.
Während die meisten Menschen danach schauen, etwas zu tun, und dann hoffen, die freie Zeit und die Mittel zu haben, das Leben zu genießen, findet der Mystiker, was ihm jetzt Freude gibt, und hieraus wachsen Leben und Arbeit, um die Freude fortzusetzen. Wie die meisten Menschen Kompromisse schließen und auf Dinge hoffen, die in der Zukunft anders sein werden, so beginnt der Mystiker damit, den einfachen Frieden jetzt zu empfangen, und daraus erwachsen Leben und Arbeit, um Freude und Frieden fortzusetzen. Es gibt Zeiten mit mehr oder weniger davon, aber der Mystiker hat immer seinen Seinsgrund zu seinem Schutz, die einfache wirkliche Nahrung, die ihn nährt. So wie die meisten Menschen immer mehr brauchen, aber nie wirklich zufrieden gestellt sind, so wird der Mystiker unmittelbar mit den einfachen Freuden des Lebens jeden Tag genährt Im Seinsgrund findet jeder die Geschenke, die mit in die Welt gebracht wurden. Diese Geschenke drücken Gott im Innern aus. Diese Geschenke bilden die Verbindung zu den anderen und der Welt. Aus dem Grund des Seins wachsen diese Geschenke natürlich und finden ihren Platz im Garten des Lebens. Diese Geschenke öffnet das Leben auf natürliche Weise und bringt sie zum Ausdruck, wenn die Angst nicht regiert. Wenn der Lehrer, der Geschäftsmann, der Therapeut, der Gärtner mit Herz arbeitet, ist das die Geburt unserer inneren Geschenke. Die entscheidende Sache ist, das eigene Herz, die eigene Freude zu empfangen. Sobald unsere Geschenke unser Herz zum Ausdruck bringen, erfüllt sich das Leben. Sich der Geschenke bewusst zu werden, ist das, was dem Leben Sinn und Zweck gibt. Es gibt Zeiten mit mehr oder weniger Einkommen. Der Mystiker ist reich dadurch, dass er die Geschenke des Lebens empfängt. Dienst ergießt sich aus seinem Herzen wie Wasser aus einer frischen Quelle. Dienst einzubringen schafft den Ausgleich für all die Geschenke, die der Mystiker empfängt So wie die Seele im Leben des Mystikers weiter Wurzeln schlägt, wachsen die Geschenke reichlich. Die Jahreszeiten des Lebens werden willkommen geheißen und genossen. Es gibt eine Zeit für den Winter und vollkommene Stille. Es gibt eine Jahreszeit, um sich zu öffnen für die Hoffnung auf die Neuanfänge des Frühjahrs. Es gibt eine Jahreszeit, um die Fülle des Sommers zu empfangen und zu teilen Es gibt eine Zeit des Loslassens, nackt zu sein wie im Herbst. Aus seinem Seinsgrund umarmt der Mystiker das Leben, indem er die Geschenke, die ihm in jeder Jahreszeit zukommen, umfasst. In der Einfachheit ist der Garten des Lebens stets gegenwärtig.

Bruce Davis, Ph.D. lernte vier Jahre lang bei einer Eskimo Schamanin, lebte bei Heilern auf den Philippinen, in Ashrams und Klöstern in Asien und Europa. Er ist der Autor von Der einfache Friede des Franz von Assisi, Liebe heilt, Leben aus der Stille und Das magische Kind in dir. Bruce lebt jetzt in Assisi, wo er zusammen mit seiner Frau Ruth, Lehrerin für sakrale Bewegung, das Assisi Retreat Zentrum leitet Jedes Jahr bietet Bruce spirituelle Retreats in Assisi und anderen Teilen Europas an. Menschen aus vielen Ländern kommen und lernen, ihr eigenes mystisches Wesen und die Herzensfreude kennen.

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Letztes Update: 05.04.2004
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